Alblasserwaard – Holländischer geht es nicht

 

NIEUWPOORT – Windmühlen, Grachten, Schilfgras, Kühe, Deiche und Wolkenberge: So haben die holländischen Meistermaler ihr Land seit jeher abgebildet. Und trotzdem sieht man im Alblasserwaard heutzutage vor allem internationale Touristen. Niederländer selbst trifft man in Hollands holländischstem Ort beinahe nie.

TOURIST IM EIGENEN LAND

Kinderdijk Alblasserwaard. Foto PIxabay

 

Von Fotos und kitschigen Souvenirs kennen wir sie alle: Die Windmühlen von Kinderdijk. Typisch holländisch, und trotzdem bin ich noch nie dort gewesen. Darum spiele ich jetzt mal Tourist im eigenen Land. Die Fahrränder dürfen auf unserer Tour durch den Alblasserwaard, ein echtes „grünes Wasserland“ natürlich nicht fehlen. Das erklärt auch gleich, warum die Windmühlen hier überhaupt stehen: Das ganze Gebiet ist eingesäumt und durchzogen von Flüssen und Wasserläufen. Bei hohem Pegel setzen die Windmühlen sich in Bewegung und fangen an zu pumpen. Der Alblasserwaard liegt nämlich einen bis anderthalb Meter unterhalb des Meeresspiegels.

HISTORISCHES STÄDTCHEN IN ALBLASSERWAARD

Nieuwpoort in Alblasserwaard. Foto Sybylle Kroon

 

Wir starten in Nieuwpoort. Bevor wir uns aufs Fahrrad schwingen, spazieren wir erst noch durch das historische Städtchen an der Lek. Es ist eine der kleinsten Festungsstädte der Niederlande und seine Form hat sich im Laufe der Jahrhunderte kaum verändert. Exakt im Zentrum des Städtchens lassen wir uns auf der Terrasse des Cafés De Dam nieder und genehmigen uns einen Cappuccino und ein Sandwich mit Aussicht auf die Gracht Buitenhaven. Genau gegenüber steht ein majestätisches Gebäude: das alte Rathaus, in dem sich heute das Historische Museum befindet. Wir lassen diesen geschichtsträchtigen Ort am Fluss hinter uns und fahren Richtung Westen.

DER WESTLICHSTE PUNKT ALBLASSERWAARD

Die Lek- und Lingeroute führt entlang des Flusslaufes des Lek. Oben auf dem Lekdeich hat man immer einen tollen Blick über die endlosen grünen Polder und Weiden auf der linken, und den Fluss auf der rechten Seite. Große Frachtschiffe begleiten uns im gleichen Tempo. Wir passieren Orte wie Groot-Ammers, Streefkerk und Nieuw-Lekkerland und nähern uns langsam aber sicher dem westlichsten Punkt des Alblasserwaards. Und genau dort befindet sich Kinderdijk. Der vermutlich holländischste Ort in ganz Holland. Ganze Busladungen (wortwörtlich) an Menschen laufen hier über die Deiche, immer entlang der 19 Windmühlen aus dem Jahr 1740. Diese stehen – Soldaten ähnlich in Reih und Glied – entlang der Mühlenkaden Nederwaard und Overwaard.

HOLLÄNDISCHE WINDMÜHLEN

KInderdijk Alblasserwaard. Foto Pixabay

 

Die Windmühlen entlang des Nederwaard stehen übrigens nicht ordentlich nebeneinander, sondern versetzt. Auf diese Art nehmen sie sich gegenseitig nicht den Wind weg. Zusammen mit den Mühlen auf der gegenüberliegenden Seite, dem Overwaard, geben sie ein beeindruckendes und typisch holländisches Bild ab. Und so touristisch wie dieser Ort auch sein mag, es ist ein großartiger Anblick. Und wie es sich für gute Touristen gehört, haben auch wir die Kamera gezückt. Windmühlen, Wasser, weidende Kühe, weiße Wolken am Himmel: Hier kann niemand vorbeifahren, ohne ein Foto zu knipsen. Ein wunderschöner Teil des Weltkulturerbes, auf das man als Niederländer ruhig ein wenig stolz sein darf. Schließlich sorgen diese Mühlen dafür, dass wir keine nassen Füße bekommen. Eine der Windmühlen kann man auch besichtigen, aber aufgrund des Andrangs entscheiden wir uns, weiterzufahren, denn der Alblasserwaard hat noch mehr zu bieten.

DER ALBLAS: ABSEITS DER MASSEN

Wir fahren entlang des West- und Ostkinderdijks hinab nach Alblasserdam. Hier mündet das Flüsschen Alblas in den größeren Fluss Noord. Wir folgen dem sich schlängelnden Alblas in östliche Richtung und radeln durch das Herzstück des Alblasserwaards. Der Fluss scheint kaum zu fließen. Er verläuft so tief im Polder, dass ein Pumpwerk das Wasser bis zur Mündung drücken muss. Aber das stört uns nicht, denn das Flüsschen führt uns „strom“aufwärts die Route entlang, und weit entfernt von den Touristenmassen. Waldbestände gibt es hier kaum, wenn man von ein paar Parzellen absieht, aber die vielen Bäume, die den Weg und die freistehenden Landgüter säumen, sowie die endlosen Weiden sorgen für eine angenehme, grüne Umgebung. Auch hier verläuft der Radweg über einen Deich, sodass wir uns oberhalb der Felder befinden.

EINFACHE SCHÖNHEIT

Kuh. Foto Pixabay

 

Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit ist niedrig. Obwohl hier nicht viel los ist und man also schnell fahren könnte, will man für die schöne Umgebung, die vielen Eindrücke und Aussichten immer wieder absteigen. Die Kamera macht Überstunden. Wir staunen über die einfache Schönheit dieses Stückchen Hollands und die hier herrschende Ruhe. Und das, obwohl das Ballungsgebiet Randstad nur einen Katzensprung entfernt liegt. Einen größeren Kontrast kann man sich kaum vorstellen. Wir vermuten, dass viele Bewohner der Randstad hier ein Häuschen besitzen, um der Hektik der Stadt zu entfliehen. Denn hier im südlichen Teil des „Grünen Herzen“, wie das größtenteils unbebaute Gebiet auch genannt wird,  kommt man automatisch zur Ruhe. Durch Oud-Alblas fahren wir weiter nach Bleskensgraaf. Auf halber Strecke mündet der Alblas in den Graafstroom, einen Kanal, aber das tut der Schönheit der Strecke keinen Abbruch.

KAFFEE UND KUCHEN

Wir könnten noch viele weitere Kilometer durch den Alblasserwaard radeln, aber wir biegen jetzt trotzdem in Richtung Norden ab, zurück zu unserem Start und Ziel in Nieuwpoort. Dort haben wir dann ungefähr fünfzig Kilometer voller Windmühlen, Flüsse, Deiche, Polder, Schilfgräser, Schwäne, Kopfweiden, Wasserlilien und historischer Stätten hinter uns. Ein malerischer Tag wie dieser schreit natürlich geradezu nach einem Abschluss mit Kaffee und Apfelkuchen. Holländischer geht es nicht.

DAS „GRÜNE HERZ“: ALBLASSERWAARD

Der Alblasserwaard liegt in der Provinz Südholland und ist von Kanälen und Flüssen umgeben: Lek, Noord, Merwede und Linge. Er ist Teil des „Grünen Herzens“ der Niederlande. Das Gebiet ist – vor allem im Vergleich zum nahegelegenen Ballungsraum Randstad – dünn besiedelt und ideal für Radfahrer. So gibt es verschiedene Radrouten entlang so genannter Knotenpunkte, wie die Mühlenroute oder die Lek- und Lingeroute in der Nähe von Kinderdijk. Die meisten Routen sind auch mit dem Auto oder Motorrad befahrbar. Rund um die Windmühlen von Kinderdijk sind allerdings nur Radfahrer und Fußgänger zugelassen. Wer den gesamten Alblasserwaard erkunden will, braucht dafür mehrere Tage. Als Unterkunft bietet sich dann – für ein optimales Alblasserwaardgefühl –  einer der vielen Bauernhof-Campingplätze an.

GLAS UND SILBER

Nicht nur das Naturgebiet im Alblasserwaard ist einen Besuch wert, auch die interessanten Ortschaften. So ist das Örtchen Leerdam berühmt für Käse und Glashandwerk. Schoonhoven wird auch die „Silberstadt“ genannt, da so mancher Silberschmied in dieser ehemaligen Festungsstadt seine Ausbildung genossen hat.

 

Schreiben Sie einen Kommentar