Der Bollenstreek: Wie ein Mondrian

 

NOORDWIJK – Wie hat Corona das bloß angestellt? Genau zur farbenfrohsten Zeit des Jahres schlägt das Virus zu. Die Blumenzwiebelregion in Südholland, Bollenstreek genannt, ist im April und Mai am schönsten. Auf den Feldern stehen Tulpen, Narzissen und Hyazinthen in voller Blüte. Dort, wo sich normalerweise hunderte, tausende Besucher auf Fahrrädern, Motorrädern, in Autos, Bussen oder auf den Spazierwegen entlang der Blumenfelder tummeln, ist es nun dramatisch ruhig.

 

Als Einheimische kann ich mich noch glücklich schätzen, denn immerhin habe ich direkte Aussicht auf ein Blumenfeld. Und wenn ich mich auf mein Rad schwinge, kann ich wenigstens ein kleines Stück der Tulpenblüte erleben. Aber dass ich mich in meiner Ente aufmache, um schöne Fotos zwischen den Blumen zu schießen, ist dieses Jahr undenkbar. Daher müssen wir uns mit einem Video begnügen, das ich im April 2017 aufgenommen habe. Glücklicherweise besitzen die Blumenfelder Jahr für Jahr dieselbe Anziehungskraft, sodass dieser virtuelle Besuch uns ein wenig über die Besuchssperre hinwegtrösten kann.

 

bollenstreek

 

Den folgenden Artikel habe ich in „guten Zeiten“ über den Bollenstreek geschrieben. Auf diese Art kann ich euch zumindest ein bisschen durch dieses besondere Stück Niederlande führen.

Der Bollenstreek: Wie ein Mondrian

Sobald man die Dünen Südhollands hinter sich gelassen hat, findet man sich in einer Landschaft wieder, die direkt aus einem Gemälde Mondrians entsprungen sein könnte. Gerade Linien, kräftige Farben. Egal, wo man hinsieht: Farbe, Farbe und noch mehr Farbe. Im Frühling ist der Duin- en Bollenstreek, die Dünen- und Blumenzwiebelregion, die sich entlang der Grenze zwischen Süd- und Nordholland ans Meer schmiegt, eine der farbenfrohsten Landschaften der Welt. Und genau aus diesem Grund ist das Gebiet auch weltberühmt.

Süßer Frühling im Bollenstreek

Feld an Feld reihen sich Tulpen, Hyazinthen und Narzissen wie eine Palette aus rot, gelb, lila, weiß, orange und grün aneinander. Nicht weiter verwunderlich, dass überall Fotos gemacht werden, denn der eine Ausblick ist schöner als der andere. Buchstäblich ganze Busladungen voller Touristen aus dem In- und Ausland bestaunen die beinahe künstlerische und geometrische Schönheit dieser Landschaft. Die ist nicht nur für das Auge ein Genuss: Auch die Nase kommt auf ihre Kosten. Im gesamten Duin- en Bollenstreek riecht es nach der Süße des Frühlings. Und da die Rad- und Wanderwege leicht erhöht angelegt wurden, hat man im Vorbeigehen oder –fahren an den meisten Stellen eine tolle Aussicht über die Felder.

Exportschlager

bollen uit de bollenstreek

 

Die Blumenfelder liegen im Windschatten der Dünen. Die spezielle Zusammensetzung des Bodens aus kalkreichem Dünensand und Flusslehm schafft ideale Bedingungen für die Blumenzwiebelzucht. Dabei geht es den Zwiebelbauern, wie der Name schon sagt, gar nicht primär um die Blumen, sondern um deren Zwiebeln. Diese werden in alle Welt exportiert. Der gesamte jährliche Export von Blumenzwiebeln beträgt 700 Millionen Euro. Nicht umsonst gilt der Duin- en Bollenstreek als eine der fünf wichtigsten Agrarwirtschaftszonen (Greenports) der Niederlande. Aber natürlich profitiert die Region auch von der Schönheit der Blumen. Alleine der Keukenhof – im Herzen des Duin- en Bollenstreek, verzeichnet jährlich rund 800.000 Besucher. Vielerorts sieht man kleine Verkaufsstände entlang des Weges, an denen man Tulpen, Narzissen und Hyazinthen – oder welche Sorten der Bauer gerade anpflanzt – in Zwiebel- oder Straußform kaufen kann.

Workum-Warmond

Der Bollenstreek und Friesland sind auf besondere Weise miteinander verbunden. Früher brachten die friesischen Bauern ganze Schiffsladungen Mist in den Bollenstreek. Sie segelten mit ihren Skûtsjes und Tjalken – den typisch friesischen Schiffen – und deren stinkender Fracht über die Zuiderzee, später über das IJsselmeer, und anschließend über die Ringvaart des Haarlemmerpolders nach Warmond, wo sie ihre Ladung löschten. Mit dieser düngten die westholländischen Zwiebelbauern den Boden, in dem sie ihre Zwiebeln anbauten. Mit der Verbreitung von Kunstdünger und der Verlagerung des Güterverkehrs auf die Straßen verschwand um 1950 diese Form des Handels. Die Tradition wird allerdings nach wie vor in Ehren gehalten: Jedes Jahr im Oktober findet die „Strontrace“ statt, zu Deutsch „Kotrennen“: eine Segelregatta für historische Schiffe, von Workum nach Warmond und zurück.

Dünenlandschaft

Die Blumenfelder liegen direkt neben einem weitläufigen Dünengebiet. Wer sich von Noordwijk aus entlang der Küste in Richtung Norden aufmacht, erlebt je nach Route eine ganz unterschiedliche Dünenlandschaft. Strandhafer und niedrige Sträucher werden gelegentlich von waldreichen, schattigen Dünen abgelöst. Ein Radweg entlang der Grenze zwischen Dünen und Feldern führt über Noordwijkerhout nach De Zijk. In der Nähe dieses mitten in den Tulpenfeldern gelegenen Dorfs liegt das größte Naturgebiet an der niederländischen Küste: die Amsterdamer Waterleidingduinen.

 

natuur in de waterleidingduinen vlakbij bollenstreek

schapen in waterleidingduinen

 

In diesem Gebiet sind nur Spaziergänger willkommen. Es ist demnach ruhig, aber niemals still. Überall hört man die Geräusche der Natur: Die Brandung der Nordsee in der Ferne, fliegende Schwäne, schnatternde Vögel, das Rauschen der Bäume. Auch Damhirsche und Füchse sind hier heimisch, genau wie die Nachtigall, der Kuckuck, die Mönchsgrasmücke und weitere seltene Vögel. Und mit ein wenig Glück trifft man auf einen Schäfer mit seiner Herde.

Historische Dörfer im Bollenstreek

Der Duin- en Bollenstreek besteht aus mehr als nur Dünen und Blumenzwiebeln. Auch Kulturliebhaber kommen auf ihre Kosten. Auf einer Tour durch die Umgebung gelangt man in typische Blumenzwiebeldörfer wie Lisse, Hillegom, Sassenheim, Warmond, Voorhout,  Noordwijkerhout, De Zilk, Rijnsburg und Noordwijk. Bei dem letzten Namen denkt man automatisch an das Meer, dabei trägt der Ort nicht ohne Grund den Zusatz „Bollenbadplaats“ (auf Deutsch etwas sperrig: „Blumenzwiebelbadeort“). Noordwijk besteht aus zwei Teilen: „Aan zee“ – wo man den ikonischen weißen Leuchtturm findet – und „Binnen“. Ein Grünstreifen trennt die beiden Teile. Dieser ist ausschließlich dem Blumenzwiebelanbau gewidmet, auch wenn das Grün hier und da von Häusern geschluckt wurde.

 

noordwijk bollenstreek vuurtoren

Die zwei Gesichter Noordwijks

Während der Küstenteil „Aan zee” von großen Hotels, flanierenden Badegästen und Besuchern auf Einkaufsbummel dominiert wird, ist der inländische Teil „Binnen“ eine Oase der Ruhe. Alte Linden flankieren die ländlichen Straßen, zwei Kirchen (davon eine sogar mit Kräutergarten), eine alte Dorfpumpe, Galerien und historische Gebäude bestimmen das Bild. Hier ist die Vergangenheit noch spürbar. Nach diesem Vorbild besitzt jeder der Orte des Duin- en Bollenstreek seinen eigenen Charme.

 

ruine teylingen bollenstreek

 

Ein Stopp beim Schloss von Teylingen zwischen Voorhout und Sassenheim, oder besser gesagt bei der Ruine dieses jahrhundertealten Bauwerks, ist absolut lohnenswert. Und nicht nur der gleichnamige Blumenpark, auch das Schloss und die Umgebung des Keukenhofs zwischen Hillegom und Lisse sind einen Besuch wert. Vor ein paar Jahren lockte der Frühlingspark übrigens mit einem „echten“ Mondrian.

 

mondriaan keukenhof

 

Durch die farbenfrohe Landschaft, die vielen Rad- und Wanderwege und kulturhistorischen Schätze könnte man glatt vergessen, dass der Duin- en Bollenstreek am Meer liegt. Man hat die Wahl: Entweder man begibt sich zum belebten, mondänen Strand von Noordwijk, oder man genießt die gemütliche Variante bei Langevelderslag. Oder die Ruhe dazwischen. Der Duin- en Bollenstreek lässt keine Wünsche offen.