FRIESLAND – Der Schleusenwärter Joop Haitsma lehnt nonchalant in der Tür zu seiner Schleusenwärterwohnung an der Schleuse von Lemmer, die selbstgedrehte Zigarette im Mundwinkel. Die friesische Tjalk „Vertrouwen“ (auf Deutsch: Vertrauen) tuckert langsam längsseits. Sie folgt dem Lockruf des großen Gewässers, des IJsselmeers. Es ist noch früh am Tag und ruhig auf dem Wasser. Skipper Reinold Hulskers atmet tief die frische IJsselmeerluft ein und schaut mit einem breiten Lächeln, das beinahe verliebt wirkt, über das Wasser: „Hier fühle ich mich glücklich.“

AUF DEM WASSER ZUHAUSE
Liebevoll erzählt Hulskers von seinem Schiff „Vertrouwen“ (Anno 1909). Er rühmt ihre anmutige Form, ihre schlanke Linie, ihren runden Kopf und Hintern. Denn dieses Schiff ist eine „Sie“. Obwohl er selbst in Groningen geboren wurde, fühlt er sich auf den Gewässern Frieslands wie zuhause. „Sobald wir aufs Wasser hinaus fahren, fühle ich mich in meinem Element.“ Wir haben das Seegatt noch nicht hinter uns gelassen, aber die Schiffsbesatzung wird bereits zur Arbeit angetrieben. Auch die Gäste dürfen dabei helfen, die Fok hochzuziehen oder das Großsegel zu hissen. „Dürfen sie, müssen sie aber nicht“, erklärt der Skipper. Es ist aber ganz schön cool, die Taue selbst zu halten und hinter dem hölzernen Steuerrad zu stehen. „Steuer einfach in Richtung dieses Schornsteins dort“, sagt Hulskers und zeigt zum markanten Schornstein des Wouda-Pumpwerks in der Ferne.

BALSAM FÜR DIE SEELE
Der Motor geht aus, die Segel flattern noch kurz, und dann…..Stille. Die „Vertrouwen“ segelt in den Armen von Windgott Aeolus davon. Es ist beinahe windstill an Deck. Die Sonne scheint schwach durch die dunklen Wolken und zaubert eine hellgraue Landschaft um das Schiff herum, wie auf einem klassischen Gemälde. Wir sind eins mit den Elementen Wasser und Luft. Dies war für Schiffsmaat Maike Schlechtriem (36) aus Mönchengladbach Grund genug, um ihren Job bei der Bank zu kündigen. „Ich werde hier ganz ruhig, es ist wie Balsam für die Seele.“ Ein paar Jahre zuvor war sie zum ersten Mal als Gast auf einem Schiff in Friesland unterwegs, und danach lernte sie an ihren freien Wochenenden bei Skipper Reinold alle nötigen Handgriffe. Jetzt kann sie sich nichts anderes mehr vorstellen: „Keine Telefonate, keine E-Mails, kein Stress, einfach nur herrlich. Und dann noch in dieser schönen Umgebung, ich bin wirklich in Friesland verliebt.“ Ihre Katze brachte sie bei ihrer Mutter unter, vorläufig wohnt sie im Vorschiff der „Vertrouwen“. Doch die meiste Zeit verbringt sie an Deck, was ihre roten Apfelbäckchen bezeugen.

ZUHAUSE IN FRIESLAND
Wir segeln über das IJsselmeer, aber die „Vertrouwen“ fühlt sich auf dem Wattenmeer und den Friesischen Seen genauso heimisch. Schließlich war sie in ihrem vorherigen Leben ein Frachtschiff und hat seit ihrer Zuwasserlassung im Jahr 1909 im friesischen Echtenerbrug so einige Seemeilen zurückgelegt. Nach unserer Segeltour drehen wir noch eine Runde durch Lemmer, aber „unter Motor“. Über den Prinses-Margriet-Kanal fahren wir in den friesischen Küstenort. Normalerweise stehen wir mit dem Fahrrad oder Auto in der Warteschlange vor den geöffneten Brücken, aber wenn diese Brücken sich für einen selbst öffnen, ist das schon ein besonderes Gefühl. Die „Vertrouwen“ wird bewundert: Entlang des Ufers beobachten Einheimische und Touristen das Geschehen auf der großen Tjalk. Trotz unserer Windjacken und verwehten Frisuren fühlen wir uns geradezu königlich. Dennoch unterdrücken wir gerade noch den Impuls zu winken. Skipper Reinold legt mit seiner Tjalk wieder im Binnenhafen von Lemmer an. Mit einem kräftigen Händedruck und einem (wie wir hoffen) eleganten Sprung an den Kai verabschieden wir uns von der alten Dame „Vertrouwen“. Als wir uns wenig später noch einmal umdrehen, sehen wir, wie sich die Besatzung auf dem Deck sonnt. Was haben die doch für ein hartes Leben…
WELTERBE IN FRIESLAND

Vom IJsselmeer aus sahen wir es bereits: das imposante Wouda-Pumpwerk, ein wenig außerhalb von Lemmer. Auch so ein Oldie: Das Pumpwerk wurde 1920 in Betrieb genommen und feiert 2020 seinen hundertsten Geburtstag. Es ist das größte noch funktionierende Dampfpumpwerk der Welt. Das wollen wir uns genauer ansehen. Und das ist auch kein Problem, denn das Wouda-Pumpwerk kann beinahe jeden Tag besichtigt werden. Es ist ein ruhiger Tag und der Wasserstand im „Busen“ von Friesland ist gut, daher pausiert das Pumpwerk. Es muss kein überflüssiges Wasser abgepumpt werden. Aber sollte es nötig sein, dann kann dieses alte Dampfpumpwerk Millionen Liter Wasser ins IJsselmeer leiten. „Innerhalb von zwei Tagen pumpen wir das Sneekermeer leer“, erzählt Direktor Hilde Boesjes stolz. Nicht, dass das nötig wäre, aber es setzt die Kapazitäten des Pumpwerks gut in Relation. Das Pumpwerk wird für den Fall eingesetzt, dass das moderne Pumpwerk in Stavoren die Wassermassen nicht bewältigen kann. Und das passiert ein paar Mal pro Jahr. Um das Pumpwerk in Aktion zu erleben, muss man also Glück haben. Viel Regen, Wind aus der richtigen Richtung und extreme Flut sind die Voraussetzungen dafür, dass das Wouda-Pumpwerk eventuell eingesetzt werden muss.
GEKONNTER WASSERBAU
Wetterskip Fryslân, der Besitzer des Pumpwerks und Verwalter der friesischen Gewässer, behält daher in den Wintermonaten die Wettervorhersagen gut im Auge. Um die Maschinerie und das Personal nicht einrosten zu lassen, werden zweimal im Jahr „Dampftage“ organisiert. Dann wird das Pumpwerk in Betrieb genommen – ein Vorgang von zwei Tagen – und die spektakuläre Arbeit kann beginnen. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass an diesen Tagen viele Besucher vorbeikommen. Aber auch wenn das Pumpwerk nicht unter Dampf steht, ist ein Besuch sehr zu empfehlen, um das Paradebeispiel niederländischen Wasserbaus im Stil der Amsterdamer Schule zu bewundern. Im Besucherzentrum gibt es für Jung und Alt viel zu sehen, zu hören und zu lernen. Aus dem Panoramasaal hat man außerdem einen tollen Ausblick über die friesischen Ländereien und das IJsselmeer. In der Ferne sehen wir ein Schiff seine weißen Segel hissen. Ist das nicht die „Vertrouwen“…?
FRIESLAND: MEHR ALS NUR WASSER

Der Südwesten Frieslands hat mehr als nur Wasser zu bieten. Die Region Gaasterland ist an manchen Stellen sogar ein wenig hügelig und bei Rijs liegt ein jahrhundertealter Wald. Ganze sieben von den berühmten elf friesischen Städten befinden sich in der „Súdwesthoeke“: Sneek, IJlst, Sloten, Stavoren, Hindeloopen, Workum und Bolsward. Sneek ist die größte Stadt der Region, Hindeloopen mit seinen gerade einmal 800 Einwohnern die kleinste. Jede Stadt ist einen Besuch mehr als wert. Während ihrer Reise durch Friesland besuchte Sybylle den Wald Rijsterbos (siehe Foto oben) und unternahm einen Stadtrundgang durch Hindeloopen in Begleitung eines Stadtführers vom Hindelooper Museum. Außer diesem Museum besuchte sie das Schaatsmuseum (auf Deutsch: Eislaufmuseum), in dem man auch hervorragend Mittagessen kann, und das weltberühmte Hindelooper Kunstatelier Roosje. Abends wurde in Sneek gebummelt und geshoppt, mit anschließendem Essen im legendärsten Restaurant von Sneek: De Walrus.
Und außerdem…

Die „Vertrouwen“ kann man über die Frisian Sailing Company buchen. Die Tjalk segelt über die Friesischen Seen, das Ijsselmeer und das Wattenmeer.
Auf dieser Reise übernachtete Sybylle im renovierten und geschmackvoll eingerichteten Bauernhof Flinkerbosje in Hemelum, zwischen Stavoren und Lemmer.
