Der schiefe Turm von Leeuwarden

 

LEEUWARDEN – Auch wenn ich schon viele Jahre nicht mehr dort wohne, ist und bleibt Leeuwarden doch meine Stadt. Ich brauche den „Liwwadders“, wie die Einwohner der Stadt in ihrem Dialekt heißen, und den Friesen nicht lange zu erklären, warum diese Stadt so besonders ist. Aber außerhalb Frieslands schaut man mich doch komisch an, denn viele Niederländer haben so ihre Vorurteile gegenüber den eigenwilligen Friesen. Denen sage ich nur: Traut euch, fahrt über den Abschlussdeich und seht selbst, wie schief „De Skeve“ Turm ist. Keine Angst, es gibt dort nicht nur Bauern, also könnt ihr eure Holzschuhe zuhause lassen. Einen Pass braucht man für Friesland auch nicht. Und sie sprechen dort auch ganz normal Niederländisch.

MISSGLÜCKTES BAUPROJEKT

Wer sich Leeuwarden nähert, kann ihn nicht übersehen: den Achmeaturm. Der höchste Turm in der Skyline Leeuwardens. Mein Herz schlägt immer höher, sobald ich diesen Blickfang sehe. Aber ein echter „Liwadder“ fühlt sich erst zuhause, wenn er den Oldehove erblickt. Dieser ein paar hundert Meter weiter gelegene Turm ist im Vergleich zu dem 115 Meter hohen Bürokoloss eher ein missglücktes Bauprojekt. Aber diese Ausstrahlung! Die Perfektion liegt in der Imperfektion.

 

Oldehove Leeuwarden. Foto C. Messier/Wikimedia

SCHIEFER ALS PISA

Der Turm sollte ursprünglich viel höher werden, aber schon während des Baus sackte er schief ab. Die Bauarbeiter des 16. Jahrhunderts versuchten noch, das Ganze gerade zu rücken, aber das Kind war bereits in den Brunnen gefallen. Eine Turmspitze konnte der Oldehove sich deshalb auch abschminken. Trotz allem steht „De Skeve“ (Friesisch für „Der Schiefe) nun schon beinahe fünfhundert Jahre. Und schief ist er tatsächlich: Sogar noch schiefer als der Turm von Pisa. Oben auf dem Turm bietet sich bei klaren Wetter eine tolle Aussicht. Man sieht sogar die Insel Ameland.

DER BRUNNEN VON LEEUWARDEN

Brunnen Love von Plensa in Leeuwarden. Foto Sybylle Kroon

 

Natürlich gibt es in Leeuwarden mehr zu sehen als nur einen schiefen Turm. Direkt vor dem Bahnhof befindet sich eine echte Augenweide von Springbrunnen. Das sieben Meter hohe Wasserspiel Love besteht aus zwei Kinderköpfen. Die Skulptur stammt von dem weltberühmten spanischen Künstler Jaume Plensa, der unter anderem die aufsehenerregende Crown Fountain in Chicago entwarf. Der Brunnen in Leeuwarden ist Teil des Kunstwerks 11 Fountains. In jeder der friesischen elf Städte steht ein besonderer Springbrunnen, der die Verbindung über Wasser(wege) in Friesland symbolisiert. Um das ganze Kunstwerk zu bewundern, muss man sich also auf eine Elfstädtetour begeben, so wie sie in besonders kalten Winter auf dem Eis ausgerichtet wird.

AB INS KITTCHEN

Blokhuispoort Leeuwarden. Foto Pixabay.

 

Über Jahrhunderte hinweg war De Blokhuispoort im Herzen Leeuwardens der Ort, an dem die Gauner und Ganoven eingesperrt wurden. Heutzutage ist es ein kultureller Hotspot und Arbeitsplatz für Künstler, Kreative, Kleinunternehmer und Freelancer. Regelmäßig finden Veranstaltungen statt, und jeden Samstag kann man in Begleitung eines ehemaligen Gefängniswärters die Zellen des alten Gefängnisses besichtigen. Auch die Bibliothek befindet sich in der Blokhuispoort, ebenso wie das Café De Bak (auf Deutsch: der Knast) und ein Restaurant/Grand Café mit dem passenden Namen Proefverlof (auf Deutsch: Bewährung), auf dessen Terrasse man im Sommer herrlich das Treiben auf der Stadtgracht beobachten kann. Auch übernachten kann man in diesem Gefängnis. Im Hostel Alibi bucht man demnach auch kein Zimmer, sondern natürlich eine Zelle.

 

Sicht auf Achmeaturm und Blokhuispoort. Foto (c) Theo de Witte

 

Foto: Theo de Witte

ALTES POSTAMT

Auf einem Bummel durch die Stadt stolpert man immer wieder über Cafés, Restaurants, Bistros und Kaffeehäuser. An beinahe jeder Ecke lädt ein schönes Etablissement zum Verweilen ein. Die alte Poststation am Tweebaksmarkt beispielsweise. Post Plaza darf sich mit Fug und Recht als Grand Café bezeichnen. Überall in dem riesigen, stilvoll eingerichteten Raum finden sich „Restbestände“ des ehemaligen Postamts.

GRÜNES HERZ LEEUWARDEN

Wenn man noch etwas weiterspaziert, gelangt man zum Oldehove. Am Fuß des „Skeve“, zwischen den Stadtgrachten der Altstadt, liegt der Garten von Leeuwarden: de Prinsentuin. Im Sommer ist dieser Park ein beliebter Jachthafen. Überall aus den Niederlanden und Europa kommen die Touristen hierher und legen mit ihren Booten an. Die Einheimischen nutzen dieses „grüne Herz“ für eine Joggingrunde, um ihre Hunde Gassi zu führen, im Gras zu picknicken oder um sich im Grand Café De Koperen Tuin ein Gläschen zu genehmigen.

 

Need I see more? Oder wie die Friesen sagen: net stinne, der hinne! Oder auch: nicht trödeln, hinfahren!

 

PS: Und dann hab ich das Fries Museum und das Keramikmuseum noch nicht einmal genannt…Und habe ich schon erwähnt, dass Leeuwarden die Geburtsstadt von Mata Hari, Piet Paaltjens, Slauerhoff, Escher und vielen anderen ist?

 

Mata Hari. Foto Sybylle Kroon

 

Fries Museum. Foto Ruben van Vliet.

 

Fries Museum, foto: Ruben van Vliet